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10 Jahre Kunsthalle Altenkirchen

Vom 19.-21. August 2011 feierten die Künstlerinnen und Künstler der KUNSTHALLE ALTENKIRCHEN das 10-jährige Bestehen der Kunsthalle mit einer Jubiläumsausstellung in der Stadthalle Altenkirchen.

Aus dem Internet in die reale Welt
Altenkirchen - Großformatige Ölgemälde (Landschaften, Tiere, Stillleben), gigantische Äpfel und Birnen aus Keramik, Metallobjekte, Collagen, Aquarelle – zahlreiche Kunstwerke, die sonst nur per Mausklick auf dem Computerbild- schirm erscheinen, gibt es am Samstag und Sonntag, 20./21. August, in der Stadthalle in Altenkirchen zu entdecken. Die Ausstellung, die auch Gelegenheit bietet, mit den Künstlern zu sprechen, ist jeweils von 11 bis 19 geöffnet.

01_RZ-Vernissage

Eine leckere Torte zum Jubiläum: Die Kunsthalle Altenkirchen feiert ihren zehnten Geburtstag. Nicht im Internet, sondern mit einer realen Ausstellung in der Stadthalle Altenkirchen, die am Samstag und Sonntag jeweils von 11 bis 19 Uhr geöffnet ist. Im Vordergrund rechts (mit Torte und türkisem Hemd) Charly Schneider, Gründer und Betreiber der virtuellen Kunsthalle, sowie Webmaster Dirk Fröhlich.
Foto: Heinz-Günter Augst

Eine Galerie, die rund um Uhr geöffnet ist – und das an 365 Tagen im Jahr? Gibt es nicht? Gibt es doch – und das bereits seit einem Jahrzehnt. Im Juni 2001 wurde die Kunsthalle Altenkirchen im Internet eröffnet. Schon im ersten Jahr ihres Bestehens freuten sich Charly Schneider, Gründer und Betreiber der virtuellen Kunsthalle, sowie Webmaster Dirk Fröhlich über mehr als 20 000 Besucher. Inzwischen gehören der Kunsthalle 50 Maler, Bildhauer, Grafiker, Objektkünstler und Fotografen (Profis und Autodidakten) an.
Anlässlich des 10. Geburtstages zeigen 35 am Wochenende ihre Werke in der Stadthalle. „Was man sonst nur auf dem Bildschirm sieht, ist jetzt anfassbar geworden“, lobte Bürgermeister Heijo Höfer, der Schirmherr der Ausstellung, der auch im Namen des Kreises gratulierte. Er freute sich über die „vielgestaltige Kulturlandschaft“ in Altenkirchen und dankte Charly Schneider für seine Initiative.
„Jedes Museum, jede Kunsthalle muss sich heute einen Internetauftritt leisten“, betonte Dr. Lieselotte Sauer-Kaulbach in ihrer Laudatio und verwies darauf, dass es bei der Kunsthalle Altenkirchen genau umgekehrt sei. Hier biete ein virtuelles Unternehmen aus Anlass seines Geburtstages eine reale Ausstellung. „Kunst kommt nicht nur vom Können, sondern auch vom Sehen“, betonte Sauer-Kaulbach abschließend.
Charly Schneider, dem Kunsthallen-Mitglied Volker Vieregg stellvertretend für alle Künstler für seiner Arbeit dankte, hieß die Eröffnungsgäste am Freitag auch mit einem launigen Gedicht über Westerwälder Keramik in Westerwälder Mundart willkommen. Das Ensemble der Kreismusikschule, Leitung Cornelia Hilberath, umrahmte den Abend unter anderem mit „Summertime“. Kommen, entdecken, staunen – die Künstler freuen sich auf viele Gäste. Wer keine Zeit hat: Unter www.kunsthalle-altenkirchen.de ist immer geöffnet.
Gudrun Kaul

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Bürgermeister Heijo Höfer

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Initiator Karl-Heinz (Charly) Schneider

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Dr. Lieselotte Sauer-Kaulbach

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Meine Damen und Herren,
woran denken Sie, wenn Sie das Wort „Kunsthalle“ hören? Der eine assoziiert mit diesem Wort vielleicht etwas ganz Modernes, Unterkühltes, der andere ein eher traditionsreiches Museum. Einen Ort, der, frei nach Petersburger Hängung, vollgestopft ist vom Boden bis zur Decke mit Kunst und den Besucher mit seiner Fülle regelrecht erschlägt oder einen, der eher sparsam mit Kunst „möbliert“ ist, vielleicht gar begrenzt auf nur eine einzige Installation eines zeitgenössischen Künstlers oder einer Künstlerin, mit der man oder Frau etwas anfangen kann – oder auch nicht. In jedem Fall könnte der Begriff „Kunsthalle“ bei dem einen oder anderen eine gewisse Schwellenangst wecken. Die Angst vor einem Ort, für dessen Besuch man sich möglicherweise extra fein macht und auch noch das passende, interessiertes und kunstverständige Gesicht aufsetzt, damit die überall herumstehenden, alles beobachtenden Aufseher nicht merken, dass man sich möglicherweise sogar etwas unbehaglich und unbeholfen fühlt.

„Seit jeher haben Museen ein ramponiertes Bild: Große Hallen mit langweiligen Gemälden, nur sehr schwer verständlichen Installationen und unansehnlichen Objekten sind keine gute Beschäftigung für die Freizeit. In den letzten Jahren haben auf der ganzen Welt die führenden Museen aber an ihrem Auftritt stark gearbeitet: Sie verstehen sich weniger als Pfleger historischer Kunst als vielmehr als Teil der Unterhaltungsbranche, die mit interessanten Geschichten um Kunst und Künstler die Faszination der Menschen weckt.“

Das war, meine Damen und Herren, ein Zitat aus einem Text im Internet zum Thema „Kunsthalle“. Und damit sind wir gewissermaßen auch schon beim Thema. Jedes Museum, jede Kunsthalle muss sich heute einen Web-Auftritt leisten, um für seine Arbeit und seine Ausstellungen überhaupt erst mal zu interessieren. Da beißt die Maus keinen Schwanz dran ab, das gilt für die kleinsten wie die größten Häuser, und selbst der Louvre hat natürlich seine Webseite. Die ist allerdings ein bisschen verwirrend und bis man sich erst mal durchgeklickt hat, um tatsächlich in 3 D das Haus über den repräsentativen Treppenaufgang von Charles Le Brun betreten und einen virtuellen Rundgang  durch die Sammlungen unternehmen zu können, dauert das schon eine Weile.

Die Kunsthalle, über die wir heute sprechen und die mit dieser Ausstellung ihren 10. Geburtstag feiert, ist noch eine ganz andere Sache. Da steht im Hintergrund kein veritables Museum und nicht einmal ein Haus dahinter, und die gezeigten Bilder, Zeichnungen, Fotografien und Objekte sind nirgendwo zu einer Sammlung vereinigt, die man sich tatsächlich realiter an einem Ort anschauen könnte. Dieses Wochenende ist gewissermaßen aus gegebenem Anlass die ganz große Ausnahme, denn tatsächlich ist die Kunsthalle Altenkirchen ein rein virtuelles Unternehmen. Ins Leben gerufen am 10. Juni 2001 von Karl-Heinz Schneider, der selber, wie er bei unserem Gespräch freimütig gestand, „zunächst mal überhaupt nichts mit Kunst zu tun hatte“. Die Beziehung zu ihr entwickelte sich gewissermaßen über ein Hinter- oder Seitentürchen, über die Tätigkeit als jemand, der Kunst ins rechte Licht setzt, sprich: der in seiner Werkstatt in Neitersen Bilder mit den passenden Rahmen versieht. (Wir alle wissen, wie sehr ein unpassender Rahmen selbst eine gute Arbeit wirklich zunichtemachen kann!

Im Laufe der Jahre nahmen immer wieder auch Maler oder Grafiker (ich belasse es der Einfachheit halber bei der maskulinen Form dieser Nomen im Bewusstsein, dass die Malerinnen oder Grafikerinnen ebenso damit gemeint sind) seine rahmenden Dienste in Anspruch. Bei diesen Gelegenheiten, erzählte mir Schneider, sei dann häufiger die Frage gekommen, ob er selber eine Möglichkeit für Ausstellungen bieten oder zumindest eine kennen würde. Das brachte ihn zuerst zum Nachdenken und dann zum Handeln, weckte die Idee, eine digitale Ausstellungsplattform für alle interessierten Kunstschaffenden der Region ins Leben zu rufen.

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Damit fing’s aber auch schon an, schwierig zu werden, musste beispielsweise überlegt werden, welche Künstler in der virtuellen „Kunsthalle Altenkirchen“ zugelassen werden sollten, ob alle, die dies gerne wollten oder nur diejenigen, die irgendwer (und dann hätte sich gleich die Frage gestellt, wer dies sein sollte?) ausjurieren würde. Schneider entschied sich für die offenere, wenn Sie so wollen, die demokratischere Lösung; schließlich war ja Sinn und Zweck gerade dieser virtuellen Kunsthalle, möglichst viele Menschen zu erreichen, anzusprechen und für Kunst zu begeistern, frei eben von allen Schwellenängsten. Die Offenheit sollte aber nicht nur für die Zugangsmöglichkeit zu dem Unternehmen gelten (wie gut das funktionierte, zeigte gleich das erste Jahr mit rund 20.000 Zugriffen), sondern auch für diejenigen, die sich als Ausstellende an ihm beteiligen wollten.

Und deshalb, meine Damen und Herren, bietet sich ihnen bei dieser realen Geburtstagsausstellung der virtuellen Kunsthalle Altenkirchen auch ein so vielfältiges Bild, vielfältig in jeder Hinsicht, stilistisch, motivisch, im Hinblick auf die verwendeten Techniken, Medien und Materialien. Exakt 50 Namen, rund zwei Drittel davon natürlich vor allem im Bereich „Malerei“, finden sich auf der Liste der im Netz vertretenen Künstlerinnen und Künstler, rund 40 davon sind an dieser Ausstellung beteiligt. Kreative aller Altersgruppen und aller Schichten, die entweder als Profi oder allein aus Spaß an der Freud‘ malen, fotografieren oder bildhauern, die ihr Metier ganz ordentlich studiert haben oder, wie Schneider selber, als Seiteneinsteiger dazu gekommen sind. Schöpferisch Aktive, die ursprünglich als Schilder- und Lichtreklamehersteller, als technische Zeichner, Speditionskauffrauen, Dozentinnen für Wirtschaftsenglisch, Ärztin oder Pflegefachkraft starteten.

Viele von ihnen malten oder zeichneten, eigener Aussage nach, schon im zartesten Kindesalter sehr gerne, andere leckten vielleicht erst im Erwachsenenalter mal bei VHS-Kursen oder Kreativ-Workshops während der Ferien Blut und fanden Geschmack am Gestalten in der Freizeit. Mir geht es hier überhaupt nicht um eine säuberliche Abgrenzung zwischen den einen und den anderen; wichtiger ist, finde ich, zunächst einfach mal die Leidenschaft, mit der garantiert alle Beteiligten am Werk sind und die auch den hier gezeigten Arbeiten anzumerken ist.
Arbeiten, die wir der Übersichtlichkeit halber vielleicht am besten motivisch ein bisschen auseinander dividieren. Da wären zunächst einmal die klassischen Betätigungsfelder der Malerei, der Zeichnung und Grafik, die Figur und die Landschaft. Das Figürliche, das vom möglichst naturalistisch gezeichneten oder gemalten Porträt bis zum leicht surreal angehauchten Umgang mit der menschlichen Gestalt und zum akademischen oder erotischen Akt, dem man auch die unvermeidliche Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte, mit berühmten Vorbildern anmerkt, reicht. Hier schaut mal ein bisschen Modigliani, dort ein Touch Picasso oder ein wenig Toulouse- Lautrec heraus, manchmal finden sich gar Ansätze zu einer gewissen Abstrahierung.

Gar noch nuancenreicher sind die Variationen in Sachen „Landschaft“, die zwischen Heimischem und Exotischem, zwischen Fotorealistischem und Phantastischem in Aquarell, Acryl oder Öl auf Leinwand oder Papier gebracht wurden. Landschaften, die sich topografisch genau festmachen lassen, auch und gerade hier im Westerwald, oder die bewusst auf derlei Festlegung verzichten, die stattdessen auf der Grenze zum Idealen oder zum Traum wandern. In ihrer Farbgebung, aber auch in ihrem Umgang mit dem auf wenige Elemente reduzierten, mit und aus diesen Elementen neu komponierten Motiv, mag dies seine Wurzeln nun in der Toskana oder in Texas haben.

Wie formulierte es Paul Cézanne 1905? „Wir dürfen uns [...] nicht damit zufrieden geben, die schönen Formeln unserer erlauchten Vorgänger beizubehalten. Machen wir uns doch frei davon und studieren wir die schöne Natur, versuchen wir ihren Geist herauszuheben, suchen wir uns doch so auszudrücken, wie es unserem persönlichen Temperament entspricht. Im übrigen, auch die Zeit und das Nachdenken verändern so nach und nach unser Sehen, und am Ende finden wir zum Verständnis." 

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Auseinandersetzung mit den „Formeln der erlauchten Vorgänger“ und doch nach eigenen Lösungen suchen. Für dieses Bemühen, das ja gerade die Vorgehensweise vieler ist, die als Autodidakten zur Kunst kamen und kommen, stehen letztlich auch die Beispiele aus dem dritten traditionellen Feld der Malerei, dem Stillleben, dessen sich ebenfalls etliche der Ausstellenden annehmen. Klassisch sind überwiegend ihre Zutaten, Gefäße, Vasen, Flaschen, Schalen, Früchte, dann und wann Blumen. Manchmal lässt das an Morandi denken, den wohl berühmtesten Stilllebenmaler des 20. Jahrhunderts – und ist es doch eben und ganz bewusst nur zum Teil.

Was für die Malerei gilt, gilt letztlich auch für die Arbeiten aus den Bereichen Bildhauerei und Objektkunst, zu der man gar noch das hinzurechnen könnte, was in der virtuellen Kunsthalle als „Mixed Media“ eingeordnet wird. (Bei derlei Versuchen, Gattungsschubladen für Kunst zu finden, schlage ich mich eher auf die Seite Picassos, der fragte: „Was ist Plastik? Was ist Malerei? Immer klammert man sich an altmodische Ideen, an überlegte Definitionen, als ob es nicht gerade die Aufgabe des Künstlers wäre,  neue zu finden.“) Auch die plastisch Arbeiten kommen beruflich ebenso aus den unterschiedlichsten Bereichen, von Apothekerin und Ärztin bis Sozialpädagoge, und die „studierten“ Gestalter wie der vom Schmuck-Design herkommende, mittlerweile ganz in den skulpturalen Objektbereich übergeschwenkte Hans-Jörg Beck oder die zunächst im Marketing arbeitende, dann wieder zur Bildhauerei, die sie in Berlin und Italien studiert hatte, zurückkehrende Ute Faber fallen hier ebenfalls regelrecht aus dem Rahmen, weshalb sie hier ausnahmsweise namentlich genannt seien. Ansonsten verzichte ich ganz bewusst auf Namensnennung, möchte Sie ebenso wenig mit der Aufzählung von vierzig Namen traktieren wie durch Nennung weniger „Auserwählter“ eine Art Jurierung vornehmen, auf die ja die Kunsthalle Altenkirchen aus Prinzipi verzichtet.

Ganz verschieden sind auch die Materialien, mit denen die plastisch Schaffenden arbeiten, Metall, Glas, Ton, Holz oder in Form geschnittene, collageartig behandelte Leinwand. Materialien, mit denen sie Objekte – das ist der am ehesten alle umfassende Begriff – gestalten, die ihrerseits eine breite Skala stilistischer Möglichkeiten ausloten, vom Figürlichen, das manchmal ein wenig an Barlach erinnert, bis zum Abstrakt-Geometrischen, teils seriell Angehauchten, vom thematisch ausgerichteten, um existentielle Fragestellungen kreisenden Werk bis zur märchenhaften Miniaturlandschaft aus keramischem Werkstoff und zum Metallobjekt, das mit den Elementen, mit Feuer und Luft bzw. Wind spielt.

Rein quantitativ nur eine vergleichsweise kleine, qualitativ aber durchaus nicht unter zu bewertende Facette steuert schließlich die Fotografie zur virtuellen Kunsthalle und damit zu dieser Ausstellung bei, Landschaftsaufnahmen beispielsweise, die schon durch die eingesetzte Technik, die Infrarot-wirkliche Lichtbildnerei sind, die vom grafischen Kontrast von Schwarz und Weiß und der ganzen, schier unerschöpflichen Palette der Grautöne lebt. Farbfotos, die von der hohen Kunst des Sehens künden, von der Fotografie auch in digitalen Zeiten immer noch, glücklicherweise, entscheidend lebt, von der Kunst, die Schönheit z. B. von natürlichen Strukturen, von Spiegelungen, den Reiz von Licht- und Schattenzeichnungen in der Landschaft zu entdecken und festzuhalten. Kunst kommt eben insgesamt nicht nur vom Können, sondern auch vom Sehen.

Und davon will ich Sie jetzt auch nicht länger abhalten. „Im Grunde ist über Kunst genug geredet, und letzten Endes ist alles unzulänglich, wenn man mit Worten seine Taten interpretieren soll.“ Mit diesem Zitat von Max Beckmann und mit den besten Wünschen für ein anregendes Vergnügen entlasse ich Sie in die Realität der virtuellen Kunsthalle Altenkirchen.

Dr. Lieselotte Sauer-Kaulbach

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